Dr. Daniela Schulz-LampelGesunde sollten den sensiblen Bereich aber lieber in Ruhe lassen
Der weibliche Beckenboden ist für Ärzte und Patienten schon lange ein vertrauter Begriff. In jüngster
Zeit ist die Forschung (und damit auch die Medien) vermehrt auf den männlichen Beckenboden aufmerksam geworden – mit der Folge, dass immer mehr Männer sich um ihr neu entdecktes Körperteil sorgen.
Muss der männliche Beckenboden trainiert oder therapiert werden? Welche Rolle spielt er für Inkontinenz und Impotenz? ISG-Info stellte diese Fragen PD Dr. Daniela Schultz-Lampel vom Kontinenzzentrum im Klinikum Villingen-Schwenningen.
Frau Dr. Schutz-Lampel, was genau ist eigentlich die Funktion des männlichen
Beckenbodens? Hat er dieselben Aufgaben wie der weibliche?
Bei beiden Geschlechtern bildet der Beckenboden den Abschluss des Körpers nach
unten. Seine Hauptaufgabe ist es, die inneren Organe zu halten, sprich: die Blase, den Darm
und bei der Frau zusätzlich auch noch die Gebärmutter. Die wichtigste Funktion des Beckenbodens
ist bei Frauen und Männern die Kontinenz zu wahren, also das Zurückhalten von Urin und Stuhl. Beim Mann ist zusätzlich das Freigeben des Ejakulats zu nennen.
Warum ist dem weiblichen Beckenboden bisher so viel mehr Aufmerksamkeit gewidmet worden als dem Männlichen?
Weil normalerweise, ohne ärztliches Zutun, die Gefahr eines schwachen männlichen Beckenbodens extrem gering ist. Der Beckenboden der Frau wird durch Schwangerschaft und Geburt extrem stark belastet. Dadurch kommt eine Beckenbodenschwäche und die daraus resultierende Inkontinenz bei Frauen vier- bis fünfmal häufiger vor als bei Männern. Die bekommen eigentlich nur dann Probleme, wenn Operationen dieses System geschwächt haben.
Was für Operationen sind das?
Am häufigsten treten Probleme nach einer Radikaloperation der Prostata auf. Die Zahl solcher Operationen hat in den letzten fünf bis sechs Jahren enorm zugenommen, weil die Früherkennung von Prostatakrebs durch das prostataspezifische Antigen immer besser geworden ist. Aber auch die transurethrale Resektion der Prostata kann schon zu einer Schwächung des Schließmuskels führen.
Wie spürt ein Mann, dass sein Beckenboden geschwächt ist?
Wenn eine Prostata-Operation hinter ihm liegt und der übliche Katheter entfernt wird, merkt er, dass er den Urin zunächst mal ganz, ganz schlecht halten kann. Und dann muss er erst mal lernen, wie man den Beckenboden überhaupt anspannt. Normalerweise sorgt die Prostata dafür, dass der männliche Beckenboden eine gute Haltefunktion hat. Wenn diese entfernt wird, geht ein wichtiger Moment dieser „Abpufferung“ verloren. Nach der Operation müssen sich die Männer also das erste Mal mit ihrem Beckenboden beschäftigen. Und dann ist für die meisten das Hauptproblem, diesen Bereich überhaupt erst mal wahrzunehmen.
Vor einer Prostataoperation gibt es für Männer demnach keinen Grund, sich mit dem eigenen Beckenboden zu beschäftigen?
Im Prinzip nicht. Sinnvoll wird ein prophylaktisches Trainieren erst dann, wenn ein Mann sich einer Prostataoperation unterziehen muss. Dann kann es nützlich sein, wenn er versucht, sich vor dem Eingriff schon mal bewusst zu machen, wo sein Beckenboden überhaupt sitzt und wie man ihn anspannen kann. Auf jeden Fall sollte der Patient darauf vorbereitet werden, dass es nach der Operation nötig werden kann, den Beckenboden zu trainieren, um eine eventuelle Inkontinenz zu vermeiden. Es gibt dafür spezielle Übungen, bei denen man den Patienten gezielt die entsprechenden Muskelgruppen anspannen lässt. Eine Übung geht zum Beispiel so, dass der Mann sich auf einen Tennisball setzt und dann das Becken kreisen lässt.
Wenn der männliche Beckenboden gestärkt werden muss, geschieht das dann vor allem durch Gymnastik?
Wenn bereits eine Beckenbodenschwäche vorliegt, ist Gymnastik in der Tat die beste Therapie. Aber man muss auch ganz klar sagen: Die wichtigste Maßnahme zur Verhinderung einer Beckenbodenschwäche ist eine Verfeinerung der Operationsmethoden. In den letzten Jahren konzentriert man sich bereits darauf, möglichst Beckenboden-schonend zu operieren. Das heißt, man versucht, die Muskeln, die das Becken nach unten abschließen und die Harnröhre umschließen, möglichst wenig zu schädigen. Auch die Nerven in diesem Bereich müssen so weit wie möglich geschont werden – das kommt hinterher nicht nur der Kontinenz sondern auch der
Potenz zugute.
Wie groß ist heute die Gefahr, nach einer Prostata-OP eine dauerhafte Beckenbodenschwäche zu entwickeln?
Die meisten Männer, die nach einer Operation inkontinent werden, erlangen ihre Kontinenz binnen eines Jahres wieder zurück – selbst wenn sie nichts dazu tun. Die verschiedenen Statistiken schwanken hier leider sehr stark. Auf jeden Fall haben wohl kaum mehr als zehn Prozent der Männer nach einem Jahr noch Probleme mit der Kontinenz. Wenn der Mann den entsprechenden Muskel mit einem Beckenbodentraining oder einem Bio-Feedbacktraining
stärkt, beschleunigt das den natürlichen Heilungsverlauf.
Gibt es einen Zusammenhang zwischen einer Schwäche des Beckenbodens und einer
Erektionsstörung?
Eine Erektion ist eine Blutfüllung der Schwellkörper und die hat mit dem Beckenboden nichts zu tun. Beckenbodenschwäche führt nicht zu Erektionsstörungen. Aber eine erektile Dysfunktion und eine Schwäche des Beckenbodens können die gleiche Ursache haben – nämlich die angesprochene Schädigung von Nerven durch eine Prostataoperation.
Beckenbodentraining hilft also nicht gegen sexuelle Funktionsstörungen?
Nein. Im Gegenteil: Wer seinen Beckenboden zu stark trainiert, riskiert eine Verspannung des Beckenbodens. Das sind dann die Männer, denen die Diagnose einer chronischen Prostataentzündung gestellt wird. Die haben permanente Muskelverkrampfungen, die zum Beispiel zu Schmerzen im Damm und zu Problemen beim Wasserlassen führen können. Und diese Verkrampfungen gehen letztlich auf eine Überaktivität der Muskeln im Beckenbodenbereich zurück. Ich denke, Männern ein prophylaktisches Beckenbodentraining zu empfehlen - so wie man das bei Frauen macht –, würde dazu führen, dass noch mehr Männer unter dieser Symptomatik
leiden.
Was führt dazu, dass ein Mann eine Verkrampfung im Beckenboden entwickelt?
Ursache dafür können chronische Prostataentzündungen sein, aber auch muskuläre Verspannungen, Blasenfunktionsstörungen oder psychischer Stress.
Kann eine solche Verkrampfung sexuelle Funktionsstörungen auslösen?
Sicherlich können hieraus sexuelle Funktionsstörungen entstehen, die von Libidoverlust über Erektionsstörungen bis zu Ejakulationsstörungen führen können.
Da Gymnastik ja eher kontraproduktiv zu sein scheint – was hilft gegen einen verkrampften Beckenboden?
Eine Entspannung des verkrampften Beckenbodens ist oft sehr schwierig zu therapieren. Entspannungsübungen, autogenes Training, sogenannnte Biofeedback- Verfahren können versucht werden. Manchmal helfen Medikamnete, die den Blasenauslass relaxieren. In therapieresistenen Fällen können Elektrostimulationsverfahren, Magnetfeldtherapie oder auch
die Injektion entkrampfender Substanzen(z.B. Botulinumtoxin) versucht werden.
Quelle: Pharmacia
Übung 1: Wahrnehmung
Führen Sie die Oberschenkel auseinander und atmen tief ein. Atmen Sie nun durch den Mund langsam aus und spannen sie gleichzeitig die Schließmuskeln der Harnröhre und After an (wie einen Trichter hineinziehen) während sie die Oberschenkel wieder zueinander führen.
Übung 2: Sensibilisierung der Beckenbodenmuskulatur
Legen Sie eine Hand auf den Bauch und eine Hand auf den Rücken. Atmen Sie durch die Nase ein und bilden Sie dabei ein Hohlkreuz. Atmen sie dann durch den Mund auf „f“ aus, während Sie dabei das Schambein in Richtung Nabel ziehen und einen leichten Rundrücken bilden. Fünf- bis siebenmal wiederholen.
Übung 3: Entlastung des Beckenbodens
Knien Sie sich auf den Boden. Neigen Sie den Oberkörper nach vorne und stützen Sie sich dabei auf den Ellenbogen und Unterarmen ab. Legen Sie Ihre Stirn auf die übereinander liegenden Hände und halten Sie dabei den Rücken gerade (kein Hohlkreuz). Verweilen Sie so ein bis zwei Minuten, normal weiteratmen.







