Narzissmus: Die Zerrbilder einer Partnerschaft

Narzissten brauchen ein Publikum, an den Menschen selbst sind sie aber wenig interessiert. Sie nutzen jeden Auftritt, um den eigenen Selbstwert zu erhöhen. "Narzissmus breitet sich aus wie eine Epidemie", stellt der Bochumer Psychologe Prof. Hans-Werner Bierhoff fest und verweist auf die Medien, wo es von Narzissten nur so wimmelt.

Wie stark ausgeprägt ist Narzissmus in der Partnerschaft? Dieser Frage gingen Sozialpsychologen der Ruhr-Universität Bochum jetzt in drei Studien nach, in denen sie junge und ältere Paare befragen. Die Ergebnisse wurden im RUB-Wissenschaftsmagazin "rubin" veröffentlicht.


Ältere Paare, jüngere Paare

In die erste Studie bezogen die Bochumer Psychologen rund 250 Studierende im Alter von rund 25 Jahren ein. Alle lebten seit etwa 42 Monaten in einer festen Beziehung, teils im eigenen Haushalt. In einer weiteren Studie wurde das gesunde Selbstbewusstsein separat erfasst, um es als möglichen Einflussfaktor ausklammern zu können. Schließlich nahmen an der dritten Studie rund 50 Elternpaare von Studierenden teil, die im Schnitt 51 Jahre alt und 26 Jahre verheiratet waren.

Mit dem sog. Narzisstischen Persönlichkeitsinventar (NPI) erfassten Prof. Bierhoff und sein Team zunächst die individuelle Ausprägung des Narzissmus. Schließlich beurteilten die Paare jeweils die eigene Attraktivität und die des Partners: Dabei ging es um die Wahrnehmung der äußeren Erscheinung, um Statusfragen, wie Bildung und Einkommen, oder um die Anziehungskraft der Partner.


Verzerrte Selbstwahrnehmung

Deutlich erhöhte Werte für Narzissmus traten bei etwa einem Fünftel der befragten Studierenden auf. Damit bestätigten die Forscher eine US- amerikanische Studie, in der schon 1986 jeder siebente Studierende erhöhte Werte erreichte, die bis zum Abschluss dieser Untersuchung 2006 kontinuierlich anstiegen. Die Bochumer Studien zeigen nun die Konsequenzen für die Partnerschaft: Je narzisstischer die befragte Person, umso mehr überschätzt sie die eigene Attraktivität und damit zugleich die eigenen Beiträge zur Partnerschaft. Die verzerrte Selbstwahrnehmung äußert sich darin, dass Narzissten die Leistung des Partners geringer einschätzen als die eigene und kaum würdigen. Die narzisstische Person übt in der Beziehung ständig Druck auf ihren Partner aus.

Bei den Elternpaaren fielen die Antworten zwar weniger narzisstisch aus, doch auch bei ihnen war der Narzissmus mit einer höheren Bewertung der eigenen Beiträge verbunden. Zudem zeigte sich hier ein interessantes Phänomen: Die eigene Überschätzung eines Elternteils ging mit einer geringeren Selbsteinschätzung beim anderen Elternteil einher. Diese komplementären Urteile führten letztlich zu einer übereinstimmenden Bewertung beider Partner.

Frauen holen auf

Männer gelten zwar als das narzisstische Geschlecht, doch die aktuellen Bochumer Studien zeigen keine Unterschiede zwischen den Geschlechtern. Den Narzissmus-Boom der letzten Jahre führen die Experten ohnehin auch darauf zurück, dass sich Frauen in ihrem Narzissmus kontinuierlich an den der Männer angleichen.

Die Bochumer Psychologen wollen die Partnerschaften noch weiter unter die Lupe nehmen. Sie interessiert etwa, ob die verzerrte Selbstwahrnehmung nur auf bestimmte Aspekte der Partnerschaft gerichtet ist, oder ob sie alle Bereiche der Beziehung betrifft. Narzisstische Beziehungen haben oft eine ausbeuterische Tendenz. Im Gegensatz zum Berufsleben weiß man über Narzissmus in der Partnerschaft bislang nur wenig. (im)

Die Studien der Bochumer Sozialpsychologen erscheinen im European Psychologist (2010, im Druck).