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Das unerbittliche Auge

Der Künstler Félix Vallotton (1865-1925) konfrontierte seine Zeit mit einem modernen Blick auf Körper, Sexualität und Partnerschaft. Die Hamburger Kunsthalle entdeckt ihn in der Ausstellung „Idylle am Abgrund" neu

Der Name Félix Vallotton ist unter Museumsbesuchern heute kaum noch geläufig. Doch vor 100 Jahren war der Schweizer Künstler in seinem Heimatland, Frankreich und Deutschland nicht nur berühmt, sondern auch berüchtigt. Mit realistischen Aktbildern und vieldeutigen Holzschnitten hatte Vallotton seiner Epoche und ihrem verschämten Umgang mit der Sexualität den Spiegel vorgehalten. Die Hamburger Kunsthalle präsentiert den Künstler jetzt in einer großen Ausstellung, die noch bis zum 18. Mai zu sehen sein wird.

„Idylle am Abgrund" heißt die Hamburger Schau. Ein passender Titel: Der 1865 in Lausanne geborene Félix Vallotton war ein Meister der Mehrdeutigkeit. Viele seiner Werke sehen auf den ersten Blick ganz harmlos aus. Doch schaut man länger hin, bekommt die Oberfläche Risse - und dahinter lauert Misstrauen, Angst oder schwarzer Humor.

Das gilt besonders für die Holzschnitte, mit denen Vallotton 1891 berühmt wurde. Solche Drucke hatten seine Zeitgenossen noch nicht gesehen: ohne Farben, mit sparsamen Konturen und viel schwarzer Fläche. Besonders populär war die Serie „Intimitäten" aus dem Jahr 1898, eine Folge von zehn Holzschnitten, in denen Vallotton meisterhaft das spannungsgeladene Verhältnis der Geschlechter darstellte. Mann und Frau stehen dort vor bürgerlicher Kulisse dicht beieinander. Aber gleichzeitig strahlt die Darstellung eine kühle, unüberbrückbare Distanz aus. Die „Intimitäten" fanden in Zeitschriften und Büchern Verbreitung auf der ganzen Welt, Maler wie Edvard Munch oder Ernst Ludwig Kirchner wurden durch sie beeinflusst. Für das heutige Auge wirkt die Serie fast wie eine Vorwegnahme des Comics. Die Hamburger Ausstellung zeigt insgesamt über 50 Holzschnitte des Künstlers.

Ab 1899 konzentrierte sich Valloton auf die Malerei. Auch seine Ölgemälde sind in der Kunsthalle breit vertreten.

Der Schweizer war ein vielseitiger Künstler, der auch Stilleben und Landschaften malte. Doch die Öffentlichkeit nahm in erster Linie die Aktbilder zur Kenntnis, weil sie die Doppelmoral der damaligen Zeit enthüllten. Vallotton entwickelte einen sehr realistischen Stil, der nichts beschönigte und den menschlichen Körper mit all seinen Falten, Fettpolstern und anderen Unzulänglichkeiten zeigte. Vallottons Zeitgenossen empfanden diese Bilder häufig als anstößig. Bei seiner ersten großen Einzelausstellung 1909 in Zürich wurde Jugendlichen der Besuch des Museums verboten.


Auch Vallottons Porträts waren für seine Zeit extrem realistisch. Jahrhundertelang war es in der Kunst gang und gäbe, dass die Maler von ihren Modellen beschönigende Bilder anfertigten – erst recht wenn es um Adelige oder Herrscher ging. Nicht so Félix Vallotton. Wenn eine Person schielte, dann schielte sie auch bei ihm auf dem Bild. „Niemand war darauf begierig, sich von diesem unerbittlichen Auge sezieren zu lassen, das darauf bedacht war, keine physische oder moralische Hässlichkeit verschwinden zu lassen", schrieb die Kunstsammlerin Hedy Hahnloser-Bühler (1873-1952) über Vallottons Porträts. Die „Neue Zürcher Zeitung" drückte es 1910 in einer Ausstellungskritik einmal so aus: „Vallotton malt wie ein Polizist“. Trotzdem bekam der Bürgerschreck so berühmte Menschen wie zum Beispiel die amerikanische Schriftstellerin Gertrude Stein vor den Pinsel.

In den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg fing Vallotton ebenfalls an zu schreiben. Seine acht Theaterstücke und drei Romane blieben allerdings ohne große Resonanz. Während des Krieges griff der Künstler wieder auf den Holzschnitt zurück und verarbeitete seine Eindrücke in der Serie „Das ist der Krieg“. In den letzten Lebensjahren beschäftigte sich Vallotton fast nur noch mit Landschaftsmalerei. Besonders spektakulär ist eine Reihe von Sonnenuntergängen, die an der französischen Küste entstanden. Am 29. Dezember 1925, einen Tag nach seinem 60. Geburtstag, starb Félix Vallotton in seiner Wahlheimat Paris.

 

Um diese Zeit war der Maler in Deutschland schon wieder in Vergessenheit geraten. Dabei hatte er beträchtlichen Einfluss auf die weitere Entwicklung der Kunstgeschichte. Die Künstler der Neuen Sachlichkeit der 1920er-Jahre verdankten Vallottons kühler, emotionsloser Darstellung des Menschen sehr viel.

Darüber hinaus enthält sein Werk auch Anklänge an den Surrealismus, der das Unterbewusstsein in die Malerei bringen wollte. Selbst bis zur Pop Art eines Andy Warhol lassen sich Verbindungslinien ziehen, wenn man an Vallottons schablonenhafte Holzschnitt-Motive denkt.

Es lohnt sich also, in Hamburg das Werk dieses Malers neu zu entdecken. Vallotton war in seiner Zeit stets umstritten, aber ihr weit voraus. Was sein Zeitgenosse Sigmund Freud mit der Erfindung der Psychoanalyse gelang, schaffte Vallotton mit Bildern: Er konfrontierte seine Umwelt mit einem modernen Blick auf den Körper, auf Partnerschaft, auf Sexualität. Das ist auch heute noch sehenswert – und diesmal dürfen auch die Jugendlichen ins Museum.

 

Adresse:
Hamburger Kunsthalle
Glockengießerwall
20095 Hamburg
Telefon ++49 (0) 40 428 131 200
Telefax ++49 (0) 40 428 54 34 09
www.hamburger-kunsthalle.de


Öffnungszeiten:
Dienstag bis Sonntag 10 bis 18 Uhr
Donnerstag 10 bis 21 Uhr
Montag geschlossen


Eintrittspreise:
Erwachsene 8,50 €, ermäßigt 5 €
Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren frei

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