Thema

Manchmal entscheiden Nuancen

 

Prostatakrebs ist die häufigste Krebsart bei Männern. „Liebe hält gesund“ hat darüber mit ISG-Vorstand Dr. Christian Leiber gesprochen und alles Wichtige zum Thema zusammengestellt

 

Über 11.000 Menschen sterben in Deutschland jedes Jahr an Prostatakrebs. Damit ist diese Krebsart die mit Abstand häufigste bei Männern. Doch obwohl Wissenschaft und Forschung seit vielen Jahren große Anstrengungen unternehmen und dabei auch einige Fortschritte erzielen, sind viele Fragen rund um den Prostatakrebs noch immer ungeklärt.

 

Das betrifft auch die Frage, warum so viele Männer gerade von dieser Krebsart betroffen sind. Klar ist nur, dass die meisten Männer im Alter, am häufigsten zwischen dem 68. und 70. Lebensjahr, an Prostatakrebs erkranken. Weil es durch den demografischen Wandel immer mehr alte Menschen gibt, bedeutet das auch eine Zunahme der Prostatakrebserkrankungen. Doch das allein reicht als Erklärung nicht aus, betont der Urologe und ISG-Vorstand Dr. Christian Leiber. „Selbst wenn man den Altersfaktor herausrechnet, ist die Häufigkeit des Prostatakarzinoms weiter zunehmend “, sagt der Oberarzt der Universitätsklinik Freiburg.

 

Bisher sind nur wenige Risikofaktoren bekannt. Einer besteht aus einer relativ fettreichen Ernährung. Deshalb ist die Häufigkeit von Prostatakrebs in den Industrienationen, in denen viele Menschen sich schlecht ernähren und gleichzeitig zu wenig bewegen, höher als zum Beispiel in Südostasien. Wenn Mann auf eine fettarme Ernährung mit viel Obst und Gemüse achtet, verringert sich also das Risiko, irgendwann an Prostatakrebs zu erkranken. Leider ist das Verfahren zur Früherkennung nicht ohne Unklarheiten. Die wichtigste Rolle dabei spielt das prostataspezifische Antigen (PSA): ein Eiweiß, das im Sperma und im Blut vorkommt. Das Besondere daran: Bei Männern mit Prostatakrebs steigt dieser PSA-Wert unaufhaltsam an. Deshalb kann man ihn zur Früherkennung nutzen. Leider bedeutet ein steigender PSA-Wert jedoch nicht automatisch auch Prostatakrebs. „Er kann auf ein Prostatakarzinom hindeuten, aber auch auf eine akute Entzündung der Prostata“, erklärt Dr. Leiber. „Oder es handelt sich, wenn der PSA-Wert nur langsam steigt, um eine gutartige Vergrößerung der Prostata.“ Und die kommt immerhin bei fast jedem zweiten Mann vor.

 

Dass das Messen des PSA-Werts die Sterblichkeitsrate bei Prostatakrebs senkt, wurde in einer europaweiten Studie mit 182.000 Teilnehmern bestätigt. Problematisch sind nur die Dimensionen: Unter 1400 Männern, die ihren Wert messen lassen, ist nur einer, dessen Leben dadurch gerettet werden kann. Auch das ist ein Grund, warum die deutschen Krankenkassen das Verfahren bisher nicht als Früherkennungsmaßnahme bezahlen. Dennoch, betont Dr. Leiber, ist die PSA-Wert-Messung immer noch die beste Möglichkeit zur Früherkennung. Um sie vorzunehmen, sollte man auf jeden Fall zu einem Urologen gehen. Denn: „Entscheidend ist, dass man den Wert richtig einsetzt und richtig interpretiert“, so Dr. Leiber.

 

Die Behandlungsmöglichkeiten des Prostatakrebs bestehen zum einen in der Entfernung der Drüse, der sogenannten radikalen Prostatektomie, und zum anderen in der Bestrahlung. Bei der Bestrahlung wiederum gibt es drei verschiedene Verfahren: Beim ersten wird der Tumor ambulant von außen bestrahlt, beim zweiten wird in einem kleinen Eingriff eine Hohlnadel in die Prostata eingeführt, durch die eine Strahlenquelle eingeführt wird. Die dritte Möglichkeit besteht darin, kleine radioaktive Körnchen in die Prostata einzubringen, die von dort den Tumor gezielt bestrahlen.

 

„Welches die Vor- und Nachteile der Therapiemöglichkeiten sind, ist eine sehr schwierige Diskussion“, sagt Dr. Leiber. Bei der Entfernung der Prostata weiß man etwa vier Wochen später, ob der PSA-Wert gesunken und man selber geheilt ist. Die Bestrahlung jedoch dauert sieben Wochen, und danach dauert es noch zwei bis drei Jahre, bis der betroffene Mann Gewissheit hat. „Man muss auch bedenken, dass für bestimmte Tumorsituationen die alleinige Bestrahlung von außen nicht ausreichend ist“, sagt Dr. Leiber. „Dann kann eine kombinierte Strahlentherapie oder eine Operation mit nachfolgender Bestrahlung notwendig werden.“

 

Noch komplexer wird die Abwägung zwischen den Therapien, wenn man die Nebenwirkungen miteinbezieht. Diese bestehen aus Erektionsstörungen und Inkontinenz und kommen in unterschiedlicher Ausprägung sowohl bei der Entfernung als auch der Bestrahlung des Tumors vor. Das Problem bei der Entfernung ist: Die Nervenfasern, die vom Nervenzentrum des Beckens zu den Schwellkörpern des Penis führen, liegen unmittelbar neben der Prostata. „Deshalb ist die Erektionsstörung bei der Operation, wenn nicht nervschonend operiert wird beziehungsweise operiert werden kann, weil der Tumor zu weit fortgeschrittten ist, ein ganz gravierendes Problem“, erklärt Dr. Leiber. Wenn nicht nervschonend operiert wird, beträgt die Wahrscheinlichkeit einer Potenzstörung 80 %.

 

„Nur wenn es ein kleines Karzinom ist, das sich in der Prostata befindet, kann man versuchen, eine nervschonende Operation durchzuführen“, sagt Dr. Leiber. Doch selbst dann gibt es keine Garantie. „Auch die besten Kliniken der Welt schaffen es in nur 30 % der Fälle, dass der Patient nach der Operation genauso potent ist wie zuvor.“ Um den betroffenen Männern zu helfen, wird seit der Entwicklung der modernen Potenzmittel an medikamentösen Lösungen gearbeitet, die nach einer Operation helfen sollen. Bisher gibt es allerdings keinen Durchbruch. „Für Patienten, die schwere Erektionsstörungen haben, sind Penisimplantate eine sehr gute Lösung“, empfiehlt Dr. Leiber. Die Qualität dieser Implantate ist in den vergangenen Jahren stetig gestiegen, sie halten etwa 15 Jahre.

 

Das Risiko der Inkontinenz ist zum Glück geringer. Bei der Entfernung der Prostata kann es häufig zu einer sogenannten Belastungsharninkontinenz kommen. Wenn man hustet, presst oder lacht, verliert man Urin. „Bei der Bestrahlung dagegen kann eine Dranginkontinenz entstehen“, erklärt Dr. Leiber. „Durch die Strahlung kann es an der Blase zu Reizzuständen kommen, und das kann zu Beschwerden führen.“ Im ersten Fall lässt sich durch spezielles Beckenbodentraining jedoch eine Besserung oder sogar eine vollständige Heilung erreichen, im zweiten Fall werden meist blasendämpfende Medikamente eingesetzt.

 

All diese Faktoren, die verschiedenen Behandlungsmöglichkeiten und die Frage der Nebenwirkungen machen es Ärzten und Patienten schwer, in jedem individuellen Fall gemeinsam über das richtige Vorgehen zu entscheiden. „Selbst für Experten ist das schwierig, weil es manchmal Nuancen sind, die für die eine oder die andere Therapie sprechen“, sagt Dr. Leiber.

 

Genau deshalb ist die Früherkennung so wichtig. Denn je eher Prostatakrebs entdeckt wird, desto kleiner ist der Tumor und desto nervschonender kann operiert werden. Und deshalb ist es auch so wichtig, sich in fortgeschrittenem Alter, wenn noch von einer Lebenserwartung von zehn Jahren auszugehen ist, den PSA-Wert messen zu lassen. Selbst wenn Sie dafür noch selber bezahlen müssen. Ihre Gesundheit wird es Ihnen danken.

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