Thema

„Das Genre steckt noch in den Kinderschuhen“

Diplom-Kulturwissenschaftlerin Sabine Lüdkte-Pilger hat ein Buch über weibliche Pornographie geschrieben. Wir sie darauf kam – und was sie über das Thema herausgefunden hat, erzählt sie im Interview

ISG: Frau Lüdtke, Sie haben sich auf wissenschaftlicher Ebene mit Pornographie für Frauen beschäftigt – wie kommt man denn auf so was?
Sabine Lüdtke-Pilger:Ursprünglich wollte ich über Geschlechterbilder in erotischen Massenzeitschriften à la „Praline“ schreiben. Es hat mich fasziniert, dass Magazine, die Frauen auf solch klischeehafte und altmodische Weise darstellen, noch immer ihre Leser finden. In diesem Zusammenhang bin ich darauf gestoßen, dass es auch erotische, ja sogar pornographische Magazine und Filme für Frauen gibt, und fand das viel interessanter. Tatsächlich ist das Gebiet auch noch sehr wenig erforscht.

Der Schwerpunkt, den Sie letztendlich gewählt haben, waren pornographische Filme für Frauen. Welche Reaktionen haben Sie dafür geerntet?
Die Professoren, zu denen ich mit meiner Idee kam, waren zunächst wenig begeistert. „Wie kommen Sie denn ausgerechnet auf dieses Thema?“ und „Glauben Sie wirklich, dass man darüber mehr als zehn Sätze schreiben kann?“ waren die typischen Reaktionen. Womit ich letztendlich überzeugen konnte, war, dass sich zum Beispiel auch der bekannte Filmemacher Lars von Trier mit diesem Thema beschäftigt und sogar ein eigenes Regelwerk für Produktionen dieser Art entwickelt hat, das „Pussy-Power- Manifest“. Seine Produktionsfirma hat mehrer Frauenpornos herausgebracht, u.a. „Pink Prison“, der in derselben Kulisse spielt wie „Dancer in the Dark“.

Landläufig wird ja angenommen, dass Frauen Pornographie nicht als besonders anregend empfinden. Haben Sie anderes herausgefunden?
Man muss unterscheiden: In der Literatur kann man die Geschichte der Frauenpornographie weit über hundert Jahre zurückverfolgen, denken Sie an Schriftstellerinnen wie Anaïs Nin. Eine Tradition der bildlichen Pornographie gibt es allerdings nicht. Hier war immer der männliche Blick auf die Frau bestimmend, der sich über die Jahrhunderte in den verschiedensten Darstellungsformen herausgebildet hat. Will jetzt eine Frau ebenfalls pornographische Bilder schaffen, muss sie sich erst von diesem männlichen Blick befreien – und etwas ganz Neues, Eigenes finden, das ist nicht einfach. Ich glaube auch, dass es Frauen schwerer fällt, in Männern nur ein Lustobjekt zu sehen – und dieses auch noch so darzustellen, dass es gut rüberkommt. Bei den Pornofilmen für Frauen, die ich gesehen habe, hat man in der Regel genau das nicht geschafft.

Es könnte aber doch auch so sein, dass Frauen mit bildlichen Darstellungen von Sexualität einfach eher wenig anfangen können …
Es scheint im Moment tendenziell so zu sein. Aber es lässt sich nur schwer beurteilen, ob das wirklich nur in ihrer Natur liegt oder eher anerzogen ist. Man hat Experimente gemacht, die belegen, dass Frauen genauso stark auf pornographische Filme reagieren, wie Männer. Nur Frauen äußern dann eben Ekel oder Abscheu dagegen oder sind schockiert. Die Filme scheinen auf sie aber genauso sexuell erregend zu wirken. Es ist die Frage, ob das Über-Ich der meisten Frauen nicht so stark ist, dass es ihnen schlicht verbietet, bestimmte Dinge gut zu finden. Ich bin aber durchaus der Ansicht, dass Männer und Frauen nicht 1:1 vergleichbar sind – und dass es weniger gut funktioniert, wenn eine Frau sich einen erregierten Penis anschaut, als wenn der Mann sich die Großaufnahme einer Vagina ansieht.

Könnte es nicht so sein, dass auch vielen Männern die Pornofilme nicht gefallen, die heutzutage üblich sind. Schließlich sind das in der Regel äußerst lieblose Massenprodukte ohne jedes Niveau …
Ich kann mir gut vorstellen, dass sich sehr viele Männer mit den Produktionen von heute nicht identifizieren können. Es ist eine Problematik, die mit der Einführung von Video aufkam. Auf einmal konnte quasi jeder Pornofilme machen. Eine Videokamera kann jeder bedienen, und er tut das in der Regel, um Geld zu machen. So sanken die Budgets immer weiter. Inzwischen gibt es nur noch sehr wenige hochwertige Produktionen. In den 70ern etwa war das anders: Da wurden pornographische Filme von jungen Filmemachern als so etwas wie ein Sprungbrett betrachtet, um überhaupt arbeiten zu können. Was sie produzierten, war natürlich wesentlich kreativer, als das, was man heute zu sehen kriegt.

Die „normale“ Pornographie wird und wurde – vor allem in den 80ern – von vielen Frauen als herabwürdigend empfunden. Pornographie für Frauen wirkt dagegen wie ein Stück Gleichberechtigung …
Ich glaube das ist der Punkt, an dem es immer wieder zu Missverständnissen kommt. Als gleichberechtigte Frau kann ich natürlich sagen: Pornographie? Das will ich auch! Aber man sollte nicht vergessen, sich dabei zu fragen: Will ich das denn wirklich auch? Was charakterisiert für mich eine weibliche sexuelle Kultur? Was für Darstellungsformen sprechen mich an? Stattdessen lauten die Fragen häufig: Was mag ich an Männerpornos nicht? Was wollen Frauen nicht sehen? Die Werke vieler weiblicher Filmemacherinnen wirken so, als würden sie sehr stark auf die Produktionen der Männer gucken und dann versuchen, einen krassen Gegenentwurf zu realisieren. Das Problem ist nur: Wenn etwas politisch korrekt ist, ist es deshalb noch lange nicht sexuell erregend.

Sie haben sich ausführlich mit dem Thema beschäftigt. Haben Sie dabei herausgefunden, was Frauen wirklich sehen wollen?

Sagen wir, ich habe ein paar Hinweise gefunden, die aber noch kein komplettes Bild ergeben. Man kann davon ausgehen, dass Frauen schöne Menschen sehen wollen – perfekt gestylte Körper mit Bodybuildermaßen müssen es aber nicht sein. Man möchte eben nicht alle Menschen beim Sex sehen. Man braucht ja auch eine Projektionsfläche, in die man sich hineindenken kann. Und natürlich schätzen sie keine Episoden, bei denen nur der Orgasmus des Mannes im Mittelpunkt steht.

Und wie sieht es in der Praxis aus? Was bekomme ich zu sehen, wenn ich mir einen Pornofilm für Frauen besorgen?
Schwer vorauszusagen, weil das Genre eben noch in den Kinderschuhen steckt. Es gibt verschiedene Herangehensweisen, die nebeneinander existieren. Da sind zum Beispiel die Filme der deutschen Regisseurin Petra Joy. Sie vertritt die Ansicht, dass Frauen sehr wohl explizite sexuelle Szenen sehen wollen und keine romantische Liebesgeschichte drumrum brauchen. Sie legt aber Wert darauf, dass „Real-Life-Lovers“ gezeigt werden. Paare also, die auch im wahren Leben sexuell miteinander verbunden sind. Ganz anders in „All about Anna“, einem Streifen, von Zentropa bzw. Innocent Pictures, der dänischen Produktionsfirma Lars von Triers. Hier geht es in den Mann-Frau-Szenen immer gleich um die ganz große Liebe.

Gibt es überhaupt übergreifende Stilmittel, die die weibliche Pornographie auszeichnen?
Interessanterweise findet man in Frauenpornos sehr selten ganz normalen Geschlechtsverkehr. Man sieht sehr viel öfter Cunnilingus, es gibt viele Gruppensex- Szenen und nur sehr selten klassische Mann-Frau-Geschichten. Was sehr gerne gezeigt wird, sind homoerotische Szenen zwischen Männern. Mit solchen Darstellungen haben allerdings die meisten Männer große Probleme … Ich habe derartige Sequenzen männlichen Probanden vorgeführt – und die wollten das wirklich absolut nicht sehen.

Werden eigentlich auch Filme für Paare angeboten?
In Amerika gibt es einen großen „Couple- Markt“. Die Filme, die hier für Paare angeboten werden, sind in der Regel aber einfach nur entschärfte Männer- Pornos. Auch bei uns findet man in der Videothek lustigerweise Filme, auf denen das Prädikat „frauentauglich“ oder auch „frauenfreundlich“ klebt. Da weiß der Ehemann dann, das kann er mit nach Hause bringen, ohne dass es Ärger gibt.

Buchtipps

  • Sabine Lüdtke-Pilger: Porno statt PorNO! Die Neuen Pornografinnen kommen. Schüren-Verlag, 19,90 Euro
  • Corinna Rückert: Die neue Lust der Frauen. Vom entspannten Umgang mit der Pornographie. Rowohlt, antiquarisch bei amazon erhältlich.
  • Svenja Flaßpöhler: Der Wille zur Lust: Pornographie und das moderne Subjekt. Campus, 24,90 Euro

Filmtipps

für Frauen und Paare von Sabine Lüdtke-Pilger:

  • Erika Lust: Five hot storys for her.
    Eine Anthologie fünf kurzer Pornogeschichten, die mit mehreren internationalen Preisen ausgezeichnet wurde. Sehr schöne Darsteller, in sehr schönen Wohnungen, mit sehr schöner Kleidung. Die Darsteller sind richtige Typen. Fazit: Anspruchsvoll und interessant gemacht!
  • „Pirates“ (Regisseur: Joon)
    ... ist ein Piratenfilm-Porno aus dem Jahr 2005, der sich wie viele teure Erotikproduktionen neuerer Zeit an einem entsprechenden Hollywoodfilm, in diesem Fall am Fluch der Karibik, orientiert. Die Geschichte ist zum Teil ein wenig hahnebüchen, aber der Film ist liebevoll gemacht. Es gibt sogar eine animierte Kampfszene mit Skeletten!
  • Pink Prison (Regie: Lisbeth Lynghoft)
    ... ist ein dänischer Pornofilm für Frauen und Paare. Wir erleben die abenteuerliche Reise der Reporterin Mila durch ein geheimnisvolles Gefängnis. In jedem Raum erwarten sie neue erotische Herausforderungen, die sie meistern soll. Produktion der dänischen Filmfirma Zentropa bzw. Innocent Pictures, die von dem populären Filmregisseur Lars von Trier mitbegründet wurde. Ähnlich wie bei seinen Dogma-Filmen liegt auch diesem Film ein Regelwerk zugrunde, das „Pussy- Power-Manifest“.

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