Sexuelle Unlust: Die Frauen wünschen sich, dass Ärzte das Thema ansprechen

Etwa zehn Prozent der europäischen Frauen haben eine als störend empfundene sexuelle Unlust. Doch das Thema ist oft noch ein Tabu, selbst beim Arztbesuch.


Libidomangel macht einem Teil der Frauen Kummer. Bei Frauen seien Sexualität und sexuelles Verlangen komplizierter und störanfälliger als bei Männern, sagte Dr. Anneliese Schwenkhagen bei einer Veranstaltung des Unternehmens Boehringer Ingelheim. Frauen mit einer sexuellen Dysfunktion und oft auch den Ärzten falle es schwer, das Thema offen und unbefangen anzusprechen. Allenfalls über Schmerzen beim Geschlechtsverkehr oder Lubrikationsstörungen würden Frauen berichten, so dass Ärzte dafür eine Behandlung vorschlagen könnten, bei sexueller Unlust (Hypoactive Sexual Desire Disorder, HSDD) sei das viel schwieriger.


Dabei ist sexuelle Unlust nach Angaben von Schwenkhagen die häufigste sexuelle Dysfunktion bei Frauen. Allerdings spricht nur ein Drittel der Frauen den Verlust ihres sexuellen Verlangens beim Arzt an. "Viele Patientinnen wünschen sich, dass der Arzt von sich aus auf die Sexualität zu sprechen kommt", sagte die Gynäkologin aus Hamburg. Um das Gespräch zu erleichtern, wurde ein einfacher 5-Punkte-Fragebogen entwickelt, dessen deutsche Version derzeit in einer Studie validiert wird.

Nach den Erfahrungen Schwenkhagens erhoffen sich Frauen von einer Therapie nicht nur das Wiedererwecken ihres sexuellen Verlangens, sondern auch eine Stärkung des Selbstwertgefühls, mehr Ausgeglichenheit und Zufriedenheit und die Rückkehr zu einer früher erfahrenen Nähe in der Partnerschaft. Diese Ansprüche könnten die Ärzte überfordern, zumal hinter sexueller Unlust vielschichtige Probleme, etwa in der Familie, stehen könnten, sagte Schwenkhagen in Düsseldorf.


Hilfreich ist eine Psycho- oder sexualmedizinische Therapie, auch in Kombination mit einer Pharmakotherapie. Das Unternehmen Boehringer Ingelheim entwickelt derzeit mit dem Wirkstoff Flibanserin eine zentral wirksame Substanz, die unter anderem an Serotoninrezeptoren im Frontallappen der Großhirnrinde andockt und so das Lustempfinden der Frauen stimuliert. Derzeit wird die Substanz in Phase III bei Frauen mit sexueller Unlust vor der Menopause geprüft. Erste Ergebnisse werden noch in diesem Jahr erwartet.