
Keine Lust mehr auf Sex? Wenn zwei Expertinnen einem interessierten Publikum dieses Tabu-Thema näher bringen wollen, können sie das auf zweierlei Weise tun: Sie dozieren über Orgasmus, Erregungsfähigkeit und Beziehungsprobleme - oder präsentieren ein kleines Rollenspiel.
Kommt eine Frau zum Arzt… genauer gesagt, die 30-jährige Julia, Ehefrau und zweifache Mutter, die Rat bei Ihrer Frauenärztin sucht: "Mein Mann und ich hatten seit einem Jahr keinen Sex mehr. Da stimmt doch was nicht!" Behutsames Nachhaken der Gynäkologin: Spricht das Ehepaar offen über die Leere in seinem Sexleben? Macht er oder sie schon mal Anläufe zu neuer Intimität? Oder besteht auf einer oder beiden Seiten gar kein Wunsch mehr nach Sex mit dem Partner?
Was die Sexualwissenschaftlerin Dr. Ulrike Brandenburg und die Gynäkologin Dr. Anneliese Schwenkhagen bei einer Buchpräsentation im Münchener Presseclub* nachspielen, kennen die beiden Expertinnen in Sachen Sex aus ihrem Praxisalltag nur allzu gut. Ehefrauen, die nach langjähriger Partnerschaft keine Lust mehr auf ihren Angetrauten verspüren. Junge Mütter, die beim Stichwort Bett nur ans Schlafen denken. Frauen, die total verliebt sind, "es" aber trotzdem höchstens einmal im Monat tun wollen. Krank? Unnormal? Gestört?
"Schwachsinnige Regeln"
Was Zeitschriften, Bücher und Fernsehen dem Mann und der Frau auf der Straße hinsichtlich Sex und Lust vorgaukeln, beeinflusst die eigenen Vorstellungen von Normalität: Gesunde Menschen in einer gesunden Partnerschaft haben anscheinend immer Lust und mehrmals pro Woche Sex, und zwar fantastischen. Demnach müsste alles andere unnormal sein, entweder der lustlose Partner ist krank oder die Beziehung kaputt. "Stimmt nicht", sagt Brandenburg und spricht von "völlig schwachsinnigen, kulturellen Regeln der sexuellen Lust." Leider würden viele Frauen das Ganze zu wenig hinterfragen. Wobei man nicht vergessen sollte, dass das weibliche Geschlecht kein Monopol auf Libidoprobleme hat. Brandenburg: "Immer häufiger haben auch Männer keine Lust auf Sex!"
Lust "for granted"
Die Sexualwissenschaftlerin weiß, welche enorme Bedeutung heutzutage der sexuellen Lust - oder eben Unlust - zukommt. "Wir haben irgendwann gelernt: Wenn ich jemanden liebe, habe ich auch automatisch Lust auf ihn oder sie." Quasi Lust "for granted" und für die man nichts tun muss. "Das funktioniert aber höchstens in der Phase der Verliebtheit", betont die Expertin. Wenn eine Beziehung länger andauert, Schwierigkeiten auftauchen, Kinder kommen, breche dieses "Konstrukt der spontanen Lust" oft zusammen.
Wachsendes Monster
Was aber tun, wenn Flaute im Bett herrscht? Wenn der Wunsch nach Sex mit dem Partner da ist, aber irgendwie keine Lust aufkommen will? Dazu muss man zunächst verstehen, wie Lustlosigkeit entsteht - "da gibt es ganz viele Rädchen, die da ineinandergreifen", erklärt Schwenkhagen. Läuft irgendeines davon nicht reibungslos, kann die Libido darunter leiden.
Etwa nach der Geburt eines Kindes, wenn die Nächte im Zwei-Stunden-Takt durch Schreiattacken unterbrochen werden. Da fehlen dann vielen Müttern (und Vätern) die Zeit, Kraft und Lust auf Intimes. Verständlich und mit Sicherheit nicht unnormal. Doch was, wenn aus den keuschen Tagen und Wochen irgendwann Monate oder Jahre werden? Mit jeder zusätzlichen Nacht ohne Sex wachsen die Furcht, unnormal zu sein, und die Zweifel an der Beziehung - "das Problem ist zu einem Monster geworden, das größer und größer wird", klagt Schwenkhagen alias Julia im fiktiven Arztgespräch.
Sex nach Plan
Therapeuten begegnen dem Problem ihrer Patientinnen meist mit Gesprächsrunden, Entspannungsübungen, Paartherapien. Außerdem forschen Mediziner an neuen Ansätzen, die die Lust im Schlafzimmer wieder entfachen sollen, etwa verschiedene Medikamente und Hormone.
Eine ganz andere Therapie präsentieren Brandenburg und Schwenkhagen bei ihrem Rollenspiel: Sex nach Plan - "oder besser: Sex nach eigenverantwortlicher Entscheidung", sagt Brandenburg. "Mit dieser Methode machen wir wirklich gute Erfahrungen." Ihre fiktive Patientin Julia soll dabei mit ihrem Mann fixe Termine für Sex verabreden, Dauer und Art der Intimitäten vorher mit ihm absprechen. "Pfeifen Sie auf die ewige Warterei, dass sich die Lust wieder einstellt", empfiehlt die Expertin und warnt gleichzeitig: "Erwarten Sie aber nicht, dass es gleich Spaß machen wird." Ähnliches passiere, wenn man nach langer Zeit erstmals wieder ein altes Hobby ausprobiert wie Tanzen oder Schwimmen. Man muss erst wieder eine Weile üben, bevor die Sache wie früher Spaß macht - so sei es auch mit dem Sex. Daher Brandenburg's Rat für lustlose Frauen (und Männer): "Tun Sie es einfach!"
Quelle: www.netdoktor.de







