
Seelische Belastung kann zu Störungen führen / Über Probleme zu reden, fällt älteren Patienten schwer.
Wer unter sexuellen Störungen leidet, vermutet oftmals organische Veränderungen als Ursache seiner Beschwerden. Tatsächlich liegen in vielen Fällen seelische Probleme vor. Prof. Dr. Gerald Mickisch , Leiter des „Centrum für Operative Urologie Bremen“, Dr. Dr. Peter Bagus , Chefarzt der Psychosomatik am Klinikum Bremen -Ost sowie der niedergelassene Facharzt Dr. Fadi Schukfeh aus Achim standen am Mittwochabend unseren Lesern mit kompetentem Rat zur Verfügung.
Mehrere Patienten im Alter von etwa 70 Jahren berichten von Behandlungen mit Bluthochdruckmitteln, infolgedessen eine erektile Dysfunktion entstanden ist. Teilweise handelt es sich bei den Anrufern auch um Diabetiker. Prof. Mickisch: Hier ging es vor allem darum, mit welchen Medikamentenkombinationen durchblutungsfördernde Mittel wie Viagra, Cialis oder Levitra zu kombinieren sind, welche Dosierungen man einstellen sollte und in welcher Weise eine Bestimmung des Testosteronspiegels helfen kann. Insbesondere bei einer Störung der Libido sollte man eine Testosteron-Bestimmung vornehmen lassen. Zwei jüngere Patienten haben speziell operative Fragestellungen, die sich auf einen Umstand des Penis bei der Erektion beziehen. In beiden Fällen handelt es sich um eine sogenannte Induratio Penis Plastika oder Morbus Peyronie (Penisverkrümmung). Prof. Mickisch: Ich konnte beide Anrufer über die Entstehung dieser Erkrankung informieren und ihnen ein paar Ratschläge erteilen, wie man eine weitere Verkrümmung verhindern kann. Sollte die Verkrümmung so stark ausgeprägt sein, dass sie bei dem Geschlechtsverkehr zu einem Hindernis wird, gäbe es die Möglichkeit, einen kleineren operativen Eingriff vornehmen zu lassen. Damit könnte dieser Umstand behoben werden.
Ein älterer Herr beklagt sich darüber, dass er seit einigen Jahren sehr an Lustlosigkeit leide. Prof. Mickisch: In diesem Fall wäre es sicherlich sinnvoll, zunächst eine Hormondiagnostik durchzuführen, die speziell die Bestimmung des Testosteronspiegels zum Ziel hat. Damit ließe sich erkennen, ob man durch eine Normalisierung des Testosteronspiegels diese Probleme wieder in den Griff bekommen könnte. Ein weiterer Patient berichtet von einer erheblichen kardialen Vorschädigung. Aus diesem Grund gestaltet es sich für ihn schwierig, eine Behandlung mit Durchblutungsfördermitteln vornehmen zu lassen. Er fragt, was er nun unternehmen sollte, um seine sexuelle Störung zu beheben. Prof. Mickisch: Auch hier habe ich geraten, zunächst eine Hormondiagnostik zu erwägen. Diese sollte speziell die Bestimmung des Testosteronspiegels anstreben.
Ein jüngerer Patient berichtet davon, dass bei ihm die Steifheit des Penis nicht für einen Geschlechtsverkehr ausreicht und der Samenerguss zu früh eintritt – also im Prinzip zwei urologische Probleme bei einem Patienten. Bekannt sind keine Vorerkrankungen, keine ernsthaften Schäden und keine Medikamente. Er fragt, wie diese Probleme zu beheben sind. Prof. Mickisch: Da keine Vorerkrankungen und ernsthafte Schäden bekannt sind, muss man hier von einer Konzentrationsstörung (im Klartext: zu viel Stress) ausgehen. Es liegt wohl keine körperliche Erkrankung zugrunde. Ich habe dem Patienten deshalb empfohlen, zunächst zu überprüfen, ob sich die Situation nach einer längeren Erholungssphase – etwa einem Urlaub – bessert. Sollte dies nicht der Fall sein, gäbe es Möglichkeiten einer medikamentösen Behandlung. Diese sorgt dafür, dass der Samenerguss nicht mehr vorzeitig erfolgt. Eventuell wäre auch die Einnahme von durchblutungsfördernden Medikamente wie Cialis oder Levitra in Erwägung zu ziehen. Ob hierfür tatsächlich eine Notwendigkeit besteht, erscheint mir allerdings zweifelhaft.
Ein Patient berichtet von einer Prostatabiopsie, die er aufgrund eines erhöhten PSA-Wertes (Prostataspezifisches Antigen, Verdacht auf Prostatakrebs) kürzlich erhalten hatte. Nun bemerkte er in seinem Sperma Blut. Prof. Mickisch: Bei dieser Frage handelt es sich zweifellos um einen Sonderfall. Ich konnte den Anrufer aber darüber informieren, dass es sich bei dem Symptom um einen normalen Vorgang nach einer solchen Biopsie handelt. Grund hierfür ist, dass die kleine Samenblase wahrscheinlich mitpunktiert wurde. Nach ein bis zwei Samenergüssen müsste die Blutbeimengung typischerweise vorbei sein. Der Anrufer fragte weiter, ob die Ratschläge, die er in seiner urologischen Heimatpraxis bekommen habe in Bezug auf das weitere Prozedere bei möglichem Prostatakarzinom richtig seien und wie die Behandlungsformen einzuschätzen sind. Prof. Mickisch: Ich habe dem Patienten mitgeteilt, dass die Ratschläge seines Arztes richtig sind. Der Patient wird aus meiner Sicht gut behandelt und suchte durch seinen Anruf nur noch eine zusätzliche Bestätigung.
Ein 50 Jahre alter Anrufer berichtet von einer Organtransplantation, welche die Einnahme von Medikamenten erfordert hat. Während dieser Zeit habe er nicht in einer Beziehung gelebt, auch keinen Geschlechtsverkehr ausgeübt. Er habe aber bereits damals festgestellt, dass bei ihm Erektionsprobleme vorhanden sind. Seit kurzer Zeit lebe er wieder in einer Beziehung. Dabei laufe alles sehr harmonisch und stressfrei. Das gelte auch für die Sexualität. Allerdings sei trotz Orgasmus ein Geschlechtsverkehr so gut wie nicht möglich. In keiner seiner bisherigen Beziehungen habe er das so erlebt. Er geht deshalb davon aus, dass diese Störung auf die Einnahme der Medikamente zurückzuführen ist. Nun fragt er, ob er durch Einnahme von Medikamenten oder Nahrungsergänzungsmitteln versuchen darf, dieses Problem zu beeinflusssen. Dr. Schukfeh: Durch die immunsupressive Therapie ist eine Potenzproblematik vorgesehen, dazu kommt bei dem Patienten eine Hochblutdruckmedikation. Wenn sein allgemeiner Zustand es erlaubt, sollte er die Implantation einer Penisprothese in Betracht ziehen. Auf jeden Fall habe ich ihm geraten, einen Urologen aufzusuchen.
Ein Arufer berichtet von sexuellen Problemen, die bei ihm bestehen, seit seine Frau fremdgegangen ist. Er fragt, wie diese Probleme behoben werden könnten. Dr. Bagus: In diesem Fall geht es um die Frage der Vertrauensproblematik. Ich habe den Patienten diesbezüglich eingehend beraten. Ein weiterer Anrufer berichtet von Erektionsstörungen. Dr. Bagus: Bei dem Gespräch stellte sich heraus, dass seine Beschwerden in einem Zusammenhang mit der Einnahme von Antidepressiva stehen. Ein anderer Patient berichtet ebenfalls von Erektionsproblemen. Dr. Bagus: Hier zeigte sich, dass die Ursachen in einer sprachlichen Depression zu finden sind. Grund ist offenbar eine Problematik im familiären Bereich.
Eine Anruferin klagt über Attraktivitätsverlust, der in Folge einer körperlichen Erkrankung eingetreten sei. Sie fragt, wie sie trotzdem Partnerschaft realisieren könne. Dr. Bagus: Ich habe die Anruferin in einem ausführlichen Gespräch über Möglichkeiten beraten, eine neue Partnerschaft zu finden. Mehrfach erkundigen sich weibliche Anrufer für ihre Partner. Die meisten von ihnen sind um die sechzig Jahre alt, die Partner etwas älter. Sie berichten von Schwierigkeiten in der Sexualität, der Gang zum Urologen ist jedoch stark stigmatisiert. Dr. Bagus: Es zeigt sich dabei immer wieder, dass es diesen Paaren sehr schwer fällt, über sexuelle Probleme zu reden und dadurch schließlich Partnerschaftsprobleme entstehen. Diese werden dann „heruntergeschluckt“, was zur Folge hat, dass sie jahrelang anhalten. Insbesondere trifft das auf ältere Anrufer zu.
Im Chat: Friedrich: Die Einnahme von Tabletten gegen Bluthochdruck und Antidepressiva führen zu Erektionsstörungen. Durch Tabletten gegen Bluthochdruck und Antidepressiva habe ich Erektionsstörungen, insbesondere hält die Erektion nicht lange vor. Dr. Bagus: Nicht alle Antidepressiva führen zu Erektionsstörungen. Denken Sie beispielsweise an Mirtazapin. Besprechen Sie dies mit Ihrem Psychiater oder Hausarzt. Mary: Als Parkinsonpatienin ist es nicht leicht – was ist das für ein Problem, welche persönlichen Umstände führen dazu, dass ältere Männer – so zwischen 60 und 70, Angst entwickeln vor erotischen Frauen? Dr. Bagus: Haben Sie Parkinson? Haben Sie den Eindruck, dass der Partner nicht mehr interessiert, obwohl Sie Lust hätten? Habe ich Sie da richtig verstanden? Mary: Ich habe keinen Partner, ich finde keinen. Oder besser: Ich werde nicht als Partnerin gesehen sondern als … Pflegefall?!? Dr. Bagus: Sind Sie durch die Erkrankung sehr beeinträchtigt, so dass Sie am öffentlichen Leben kaum teilnehmen können? Wenn doch, haben Sie schon mal Kontakt zu einer Selbsthilfegruppe aufgenommen? Vielleicht wäre das hilfreich, andere könnten Ihnen vielleicht auch positive Erfahrungen mitteilen.
Mary: Gibt es hier im Umfeld eine Selbsthilfegruppe, die sich mit Thema Sexualität befasst? Dr. Bagus: Bitte fragen Sie beim Gesundheitsamt diesbezüglich nach. Dort kann man Ihnen sagen, ob aktuell eine Selbsthilfegruppe besteht.(Quelle: www.tz-online.de )







