Wenn Lust zur Sucht wird

Gefesselt von Youporn: das Phänomen Pornosucht

 

Alkohol- und Drogensucht sind alte Bekannte, die Pornosucht ist dagegen vergleichsweise jung!

Teens, Mature, Vintage oder Cumshot. So heißen die Kategorien auf den einschlägigen Websites, kostenfrei und 24 Stunden täglich zugänglich. Diese Verfügbarkeit von Pornografie verändert unser Sexualverhalten. Die Grenze zwischen „normalem“ und süchtigem Konsum ist dabei fließend. Das Phänomen Pornosucht ist jung, tabuisiert und gefährlich – und erst seit kurzem vielleicht auch ein Massenphänomen.

 

Früher beschränkte den Konsum von Pornos ganz einfach der Geldbeutel. Zu teuer waren die Videokassetten und Zeitschriften, später die Zugänge zu kostenpflichtigen Websites. Erst seit etwa fünf Jahren gibt es die Angebote wie „Youporn“ kostenfrei und nahezu jede sexuelle Vorliebe bedienend. Deshalb stieg die Zahl der Online-Sexsüchtigen besonders seit dieser Zeit erkennbar an. Betroffen sind hauptsächlich Männer zwischen 24 und 29 Jahren. Gerade Studenten geraten in die Abhängigkeit, denn sie wohnen oft alleine. Bleibt die Kontrolle durch Eltern oder eine Partnerin

aus, explodiert rasch der Konsum der Pornoseiten.

 

Wissenschafltich belastbare Zahlen, wie weit die Pornosucht verbreitet ist, gibt es nicht. Bis heute wurde das beliebteste Youporn-Video über 34 Millionen Mal angeklickt – amerikanische Forscher gehen davon aus, dass etwa 1% der gelegentlich pornografische Inhalte konsumierenden User davon abhängig ist. Nach den Erkenntnissen der amerikanischen Wissenschaftler sind dies weltweit 200 000 Menschen, die Dunkelziffer dürfte aber weit höher liegen. Von Abhängigkeit sprechen kann man aber erst, wenn es durch das Surfen im Internet zu sozialer Isolation kommt und wenn der Betroffene sein Verhalten selbst als änderungswürdig begreift. Was bei dem einen schon Sucht ist, ist für den anderen ein „Hobby“, das er noch unter Kontrolle hat. Sexualität ist auch in diesem Bereich inividuell und verträgt sich nur schlecht mit Pauschalisierungen.

 

Unter dem unkontrollierten Konsum leidet die Seele – mit Zunahme der Verweildauer auf Pornoseiten steigt proportional auch das Risiko für psychische Erkrankungen. Etwa ein Drittel der Pornosüchtigen leidet auch an Depressionen und Angstzuständen. Unsere Gesellschaft gibt sich offen und aufgeklärt. Eltern reden mit ihren Kindern aber allenfalls über das erste Mal, selten reden sie über Pornografie, geschweige denn über einen verantwortungsvollen Umgang mit dieser. Hilfesuchende leiden dann oft jahrelang, ehe sie sich jemandem anvertrauen. Zu heikel ist das Thema, zu hoch die Hemmschwelle, sich zu „outen“.

 

Schizophrenie des Pornozeitalters

 

Diese Schizophrenie – vorhandenes Angebot auf der einen, Tabuisierung auf der anderen Seite – führt dazu, dass viele mit nicht ausgelebten sexuellen Fantasien ins Internet fliehen. Das ist einfacher, bequemer und für manche aufregender, als reale sexuelle Beziehungen zu haben. Es wird nach immer neuen und „besseren“ Videos und Pics gesucht, was die am Computer verbrachte Zeit stetig ausdehnt: die „Ansprüche“ steigen und werden zum klassischen Teufelskreis. Ein Betroffener schreibt in einem Forum: „Ich kann überhaupt keine Arbeiten mehr für mein Studium erledigen. Sobald ich den Computer einschalte, kann ich gar nicht anders. Es gibt mir dann zwar manchmal einen unglaublichen Kick, danach falle ich aber in ein tiefes schwarzes Loch“.

 

„Warum liegt denn hier Stroh rum?“

 

Der Psychoanalytiker Slavoj Zizek sieht auch den Pornofilm selbst als schizophren: „Pornografie ist nämlich ein zutiefst konservatives Genre. Es ist kein Genre, in dem alles erlaubt ist. Es stützt sich auf ein grundlegendes Verbot. Wir übertreten zwar eine Schwelle, wir bekommen alles zu sehen, Nahaufnahmen und so weiter, aber als Preis müssen wir dafür hinnehmen, dass die Geschichte, welche die Handlungen motiviert, nicht ernst genommen werden kann.“ Man denke nur an den grandiosen Porno-Dialog: „Warum liegt denn hier Stroh rum – Warum hast du ´ne Maske auf? – Na, dann blas mir doch einen!“ (Siehe Video)

Zizek ist der Ansicht, es gebe trotz der vordergründigen Offenheit im Porno eine Art von Zensur. Denn „Drehbuchautoren für Pornofilme können gar nicht so dumm sein. Entweder man macht einen Film, der einen emotional berührt, sollte dann aber aufhören, bevor man alles zeigt, oder man sieht alles, darf sich dann aber nicht ernsthaft emotional mitreißen lassen. Das ist das Tragische an der Pornografie“.

Fazit:
Lieber einmal mehr „Basic Instinct“ anschauen, als andauernd stundenlang Thumbnails nach neuen Filmchen zu durchforsten. Früher hat der Erotikfilm im Nachtprogramm  von VOX doch auch gereicht...!

 

(Quelle: www.zeitjung.de )