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Suchtfalle Cybersex

Der aktuelle Drogen- und Suchtbericht der Bundesregierung schreckt auf: Immer mehr Menschen entwickeln eine krankhafte Abhängigkeit vom Internet – vor allem die Online-Sexsucht ist auf dem Vormarsch.

Draußen weht ein laues Lüftchen, die Sonne scheint und alles blüht und duftet: Willkommen sinnliche Sommerzeit! Doch anstatt dieses Hochgefühl mit einem „echten“ Partner zu genießen, sitzen viele Menschen in einem abgedunkelten Zimmer – vor dem Bildschirm. Der Trend, seine Lust via Internet zu befriedigen, ist ungebrochen. Und alles andere als ungefährlich, wie der aktuelle Drogen- und Suchtbericht der Bundesregierung zeigt: Demnach nutzen immer mehr Menschen Computer und Internet so exzessiv, dass es als krankhaft gelten muss. Nach Schätzungen sind in der Gruppe der 14- bis 64-Jährigen ca. 560.000 Menschen internetabhängig, ca. 2,5 Millionen Menschen gelten als problematische Nutzer.


Tatsächlich trifft die Online-Sucht durchaus nicht nur jugendliche Spiele- oder Chat-Fanatiker: „Auch reife Erwachsene sind gefährdet. Vor allem der leicht verfügbare Cybersex zieht viele in ihren Bann“, sagt PD Dr. med. Michael Berner, Vorsitzender des Informationszentrums für Sexualität und Gesundheit (ISG). Der Psychiater und Psychotherapeut beobachtet eine wachsende Zahl von Patienten, die mit sexuellen Internetaktivitäten mehr Zeit verbringen, als mit echten sozialen Kontakten. „Diese Menschen verlieren mehr und mehr den Bezug zur Realität und vereinsamen schließlich“, warnt Dr. Berner.
Die Gefahr, dass aus gelegentlichen Erotik-Trips ins Netz eine ernstzunehmende Sucht entsteht, ist hoch: Nach Expertenschätzungen aus den USA entwickeln ca. 8 % aller Cybersex-Erfahrenen eine Abhängigkeit. Eine feste Partnerschaft schützt vor dieser Gefahr offenbar nicht: Forscher der australischen Swinburne University befragten 2009 über 1300 Cybersex-Nutzer nach ihren Lebensverhältnissen: 55 Prozent waren verheiratet oder hatten einen festen Partner – und verbrachten dennoch bis zu zehn Stunden täglich mit erotischen Aktivitäten vor dem Rechner.


„Sexualität im Internet ist anonym, unverbindlich und leicht erreichbar. Das senkt die Hemmschwelle vieler Menschen, sich ihrer zu bedienen – vor allem, wenn es in ihrer Partnerschaft nicht rund läuft“, sagt der ISG-Vorsitzende Dr. Michael Berner. Die Verlockung, sich seinen realen Sex- und Beziehungsproblemen zu entziehen und stattdessen im Netz nach Lustbefriedigung zu suchen, sei hoch. Für die Partnerschaft bedeute dieses ausweichende Verhalten jedoch oft das Aus.


„Eine gemeinsame, erfüllte Sexualität ist eine wichtige Säule jeder Beziehung. Ebenso das Erlebnis, sexuelle Probleme gemeinsam angehen und überwinden zu können“, sagt Dr. Berner. Paaren, die dabei allein nicht weiter kommen, rät er dringend, nicht zu kapitulieren, sondern sich Hilfe von außen zu suchen: Niedrigschwellige aber kompetente Beratung bietet etwa das Informationszentrum für Sexualität und Gesundheit – mit seiner anonymen Telefonberatung (0180-555 8484 – 14 ct/min aus dem Festnetz, Mobilfunk max. 42 ct/min).

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